Reformationstag, Allerheiligen und Markttreiben in Marsberg anno dazumal

Reformationstag, Allerheiligen und Markttreiben in Marsberg anno dazumal

Der Verein „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit“ hat sich auf geschichtliche Spurensuche in die Zeitungsarchive begeben und ist zum Reformationstag, zu Allerheiligen und dessen Markttreiben in Marsberg – anno dazumal – fündig geworden.

Die Kirmes kommt – Das Foto zeigt vorne Theresia Rabe mit Kindern in der Niedermarsberger Innenstadt, um 1930. Es finden verschiedene „Aufbauarbeiten“ zur Allerheiligen-Kirmes statt. Hinten ist ein Transparent des ehem. Kaufhauses „Silberberg“ zu sehen.

Allerheiligen ist ein christliches Fest, zu dem die Katholiken aller Heiligen gedenken. Vielerorts wird bereits am Nachmittag eine Gräbersegnung der Verstorbenen vorgenommen. Damit verbunden ist der Brauch, die Gräber vor allem mit Lichtern, Kränzen und Gestecken zu diesem Feiertag besonders zu schmücken. In Erlinghausen wurde in den landwirtschaftlich-geprägten Häusern um 1850 ein besonderes Allerheiligengebäck, das nur Ende Oktober hergestellt wurde, mit viel Zimt und Anis in Form eines Kringels gebacken. Diese damalige Spezialität hatte eine große „Fangemeinschaft“, da auch umliegende Ortschaften – selbst im Waldecker Land – ein reges Interesse an dieser Leckerei fanden. Sie war so interessant, dass selbst die Zeitung hierauf hinwies. Die genauen Zutaten blieben allerdings ein Geheimnis der Erlinghäuser Frauen. Der Zeitungswortlaut: „… Die koncrete Receptur konnte derbei nicht zur Erfahrung gemacht…“ werden. Die evangelische Teilbevölkerung Marsbergs und des überwiegend evangelischen Waldecker Landes feierten am Vortag von Allerheiligen ihren Reformationstag, der an den Anschlag der Thesen Luthers an die Kirchentür am 31. Oktober in 1517 und insbesondere an die Lehre der Rechtfertigung des Sünders allein durch den Glauben erinnern soll. Die Zeitungen wissen zu den beiden Feiertagen einen ganz besonderen Streit zwischen den überwiegend katholischen Marsbergern und den evangelischen Waldeckern zu berichten. Es gab Ärgereien zwischen den benachbarten Orten: Niedermarsberg sowie Erlinghausen auf der westfälischen Seite gegen die hessischen Orte: Hesperinghausen, Helmighausen, Neudorf und Kohlgrund auf der anderen Seite der Grenze. Die westfälischen Bauern nutzten das schöne Wetter am Reformationstag aus und streuten Mist auf ihre Felder an der Landesgrenze. Auch die gutgefüllten Inhalte der Jauchegruben wurden letztmalig vor dem Winter vollends auf die Felder aufgebracht, so dass das evangelische Waldeck bei günstiger Windrichtung an ihrem Feiertag regelrecht angestänkert wurde. Es wird von Atembeschwerden und Schwindelanfällen berichtet. Dieses ließen die Waldecker Bauern nicht auf sich sitzen und setzten zum Gegenschlag an: Ziel der Allerheiligenfeiertag der Westfalen. Am frühen Morgen des 01. November wurden mehrere volle Behältnisse mit waldeckischer Gülle auf die Vorplätze und die Eingangsbereiche vor den katholischen Kirchen in Niedermarsberg und Erlinghausen verschüttet. Die katholischen Messfeiern fanden allerdings unter starken Geruchseinwirkungen trotzdem statt, so der Zeitungsartikel. Immer wieder gab es in Folge dessen Streiche zwischen Katholiken hier und Protestanten dort. Eine Entspannung der Konfessionssituation sollte erst deutlich später folgen. Heute finden „Gott sei Dank“ solche Konflikte nicht mehr statt. Ob die Katholiken Niedermarsbergs und Erlinghausens damals mit Absicht streitbeginnend die Jauche auf die Felder an der evangelisch-waldeckischen Grenze aufgebracht haben, ließ sich selbst richterlich nicht klären. Auch im 1869er Gegenverfahren der „Anstänkerung“ der katholischen Kirchen konnte niemand dingfest gemacht werden.

Werbeplakat aus 1935 – „Auf zum Allerheiligenmarkt nach Niedermarsberg!“

Allerheiligen war in Marsberg auch immer die Zeit des großen Jahrmarkts. Ursprünglich veranstaltete man ihn in der letzten Oktoberwoche. Unter dem Spruch der Woche: „Es ist nicht alle Tage Kirmes (Volksmund).“ durften die Niedermarsberger am Dienstag, den 29. und Mittwoch, den 30. Oktober 1935 erstmals mit Genehmigung des Oberpräsidenten den Markt an 2 Tagen stattfinden lassen. Zum Jahrmarktbetrieb gesellte sich der große Rindvieh- und Pferdemarkt. Diese Märkte fanden auf dem städtischen Turnplatz neben der Halle statt. Der Schweinemarkt war im Weist. Der Schaf- und Hammelmarkt auf dem städt. Bleichplatz. Der An- und Verkauf von Vieh sowie Wintereinkäufe galten für den Landwirt von größter wirtschaftlicher Bedeutung. Die Vergnügungsstätten der Kirmes gaben Gelegenheit die Alltagssorgen zu vergessen. Die Wirtshäuser veranstalteten eine Weinwerbewoche mit „Erfrischungen und Tanz für Westfalen und befreundete Waldecker“. Unter dem Motto: „Rheinische Musik – Rheinische Lieder – Rheinische Stimmung“ gab es zu volkstümlichen Preisen den für den Kreis Brilon bestimmten Patenwein von Rhein und Mosel in den Häusern Hotel zur Post, Café Gerlach und Tampier (Deutsches Haus). Nur das Wetter beklagte man: „Regen satt am 2. Tag!“ Der Auftrieb betrug etwa 40 Pferde, 180 Rind- sowie 400-500 Borstenviecher. Auch ein Zwischenfall in den dunklen Abendstunden war zu vermelden: Wie bereits 3 Jahre zuvor drangen 2 maskierte Männer – mit Blendlaternen versehen – in das Haus des Metzgermeisters und Viehhändlers Josef Bickmann, Kötterhagen, ein und bedrohten die Frau des Inhabers und die Hausgehilfin mit vorgehaltenem Revolver. Metzger Bickmann war nicht vor Ort, da er Fleisch auslieferte. Sie entwendeten etwa 1.000 Reichsmark. Die Polizei Niedermarsbergs und des Umkreises fahndete sofort nach den Tätern, „die sogar ein Auto zur Verfügung hatten“. In Warburg wurden „die Räuber mit ihren Tatwerkzeugen“ gestellt.

Werbeanzeige aus 1935 – Weinwerbewochen des Hotels zur Post in Niedermarsberg

                                                                                                                                                                              

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