Marsbergs Fundstück des Monats Juni 2013 blickt auf die Geschehnisse in Giershagen während der Kaiserzeit

Marsbergs Fundstück des Monats Juni 2013 blickt auf die Geschehnisse in Giershagen während der Kaiserzeit

Den „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e. V.“ wurde in den letzten Tagen vom Marsberger Hobby-Archäologen Ralf Schön ein vor Jahren entdeckter Fundus übergeben. Dieser wurde jetzt zum Fundstück des Monats Juni 2013 prämiert und erhielt in „Haus Böttcher – Haus der Geschichte“ einen Ehrenplatz in der dortigen Ausstellung. Der Sauerlandkurier stellt Marsbergs Fundstück des Monats exklusiv vor.

ungereinigter Geschosskopf der Kruppschen Schiessversuche in Giershagen

Der ungereinigte Geschosskopf der Krupp´schen Schiessversuche aus Giershagen, der nun an „Haus Böttcher – Haus der Geschichte“ übergeben wurde.

Nach dem für Deutschland siegreich-verlaufenen Deutsch-Französischen Krieg in 1870/71 entstand das deutsche Kaiserreich. Deutschland hatte somit eine Vormachtstellung auf dem europäischen Kontinent eingenommen. Neueste Technologien, gerade in der Rüstungsindustrie, wurden von deutschen Firmen entwickelt. Maßgeblichen Anteil an diesen Entwicklungen hatte Alfred Krupp. Er testete seine Produkte bei Bredelar. Hierfür wurde ein Schießplatz auf Giershagener Gebiet am Hainberg ausgewiesen, nachdem der Übungsplatz am Obermarsberger Priesterberg sich als nicht „dienlich“ erwies. Vor rund 135 Jahren, am 07.11.1877, testete Krupp in Giershagen persönlich einen Panzerturm. Weitere Tests von Panzerkanonen fanden mit ranghohen Generälen und Offizieren aus ganz Europa und Übersee statt. Auch Kaiser Wilhelm I. war während eines Schiessversuches in Giershagen zugegen. Das Schiessbuch vom 28.06.1878 aus der „Buchdruckerei des Krupp´schen Etablissements“ wurde in 2010 von Haus Böttcher an den Verein für Ortsgeschichte und Heimatpflege Bredelar übergeben. Dr. Eberhard Strauß beschrieb in seinem Bericht „Granaten gegen Stahl“ aus 1877: „In der Morgenfrühe brachte ein Sonderzug 33 hohe Offiziere aus 14 verschiedenen Staaten der Erde nach Bredelar. Mit Wagen wurden sie zur unteren Mühle gefahren. Hier hatten sich inzwischen auch die Spitzen der Behörden eingefunden… Alfred Krupp bestieg mit der Bedienungsmannschaft und einigen Offizieren den Panzerturm… Die übrigen gingen in einen etwa 100 Meter entfernt liegenden Beobachtungsstand.“ Aus 220 bis 340 Meter Entfernung begannen schwere Geschütze ein ununterbrochenes Feuer auf den Panzerturm. „Niemand glaubte, daß die Besatzung des Turmes noch gefechtsfähig sei…“ Es knallte aus dem Panzerturm. „Mit äußerster Pünktlichkeit schoß das Panzergeschütz alle 15 Sekunden… und die schweren Geschütze drüben sandten Treffer auf Treffer.“ Als absolute Neuigkeit konnte von den Aufsichtsbehörden deklariert werden, dass das Panzergeschütz während des Beschusses und des eigenen Feuers ruhig auf der Protze lag.

Man konnte während des Schießens sogar die Hand aufs Rohr legen. Der Rückstoß wurde ganz auf den Panzer übertragen, wie Krupp es bereits vorausgesagt hatte. Das Geschütz war obwohl es etliche, annähernd 70 Treffer einstecken musste, praktisch unzerstörbar. „Der Begriff hart wie Kruppstahl machte die Runde“. Auf dem Krupp´schen Schiessplatze für Panzerkanonen in Giershagen fanden am 28.06.1878 zur weiteren Erprobung des Krupp´schen Panzerkanonen-Systems in Bezug auf Trefffähigkeit und Feuergeschwindigkeit weitere Versuche statt. In den von den früheren Versuchen her vorhandenen Panzerstand war eine 15,5 cm Kanone mit Mündungskugel zur Verbindung mit dem Panzer und mit Ringen bis vorn hin, im Gewicht von 3.600 kg, eingelegt. Sie hatte gezogenen Geschossraum, 36 Züge und gleichförmigen Drall von 45 Kaliber. Die Geschosse waren blind geladene Granaten von 39,5 kg Gewicht mit Kupferführung, die Geschützladung betrug 6,5 kg prismatisches Pulver von 1,64 mittlerer Dichte. Mit Einschluss der 4 vor Anwesenheit der Gäste abgegebenen Probeschüsse waren im Ganzen 120 Schuss verfeuert worden, ohne dass am Geschütz irgendwelche nachteiligen Einflüsse zu bemerken waren. Die Gäste waren Generäle, Kapitäne, Leutnants, Obersts, Majore sowie Offiziere und kamen aus China, Dänemark, Deutschland, England, Holland, Italien, Norwegen, Österreich, Portugal, Russland, Schweden, Spanien, Griechenland, Argentinien und den Vereinigten Staaten von Amerika. Der jetzt an „Haus Böttcher – Haus der Geschichte“ übergebene Geschosskopf wurde 1878 von einer 15,5 cm Panzerkanone abgefeuert. Auf dem Foto kann man gut die verzwirbelten Kupferzüge erkennen. Das gesamte Geschoss maß eine Länge bis zu knapp 50 cm. Nähere Informationen zum Fundstück des Monats finden Sie unter: www.Marsberger-Geschichten.de          



Teilnehmer vom 28.06.1878:

China:            

Lieutenant Za Lenn Biau

Dänemark:     

Marine-Zeugmeister, Capitän zur See v. Jessen,

Artillerie-Hauptmann, Constructionsofficier v. Müllertz

Deutschland: 

Artillerie-Hauptmann Stern,

Feuerwerks-Lieutenant Thiry

England:        

General in der Artillerie Younghusband, Capitän in der Artillerie Morley (Herr Capitän Morley hat nur 42 Schuss in 18 ½ Minuten gezählt.)

Holland:         

Lieutenant zur See van der Mandele

Italien:           

Artillerie-Oberst Giovannetti,

Artillerie-Major Biancardi,

Genie-Capitän Donesana

Norwegen:     

Unterzeugmeister der Marine, Lieutenant zur See Falsen

Oesterreich:   

Genie-Major Graf von Geldern-Egmont,

Artillerie-Hauptmann Beschi,

Ober-Ingenieur der Marine-Artillerie Klöckner

Portugal:        

Genie-Capitän Parreira,

Artillerie-Capitän Craveiro-Lopes,

Artillerie-Capitän d´Andrada

Russland:     

Artillerie-Oberst v. Dahler,

Artillerie-Hauptmann Tschischikoff

Schweden:     

Artillerie-Hauptmann, Constructionsofficier Centervall

Spanien:         

Genie-General Arroquia,

Artillerie-Oberst Noeli,

Marine-Artillerie-Major Garcia,

Artillerie-Capitän Vidal

 

Außerdem waren zugegen gewesen, jedoch vor Unterzeichnung des Berichtes abgereist, von

Griechenland:

Corvetten-Capitän Criesis,

Lieutenant zur See Hadschikyriacos

 

Auf Grund eines Disputs nach der photographischen Aufnahme des ersten Scheibenbild sind die Vertreter von Argentinien und den Vereinigten Staaten von Amerika abgereist.