Hermann Klostermann: Held oder Krimineller?

Hermann Klostermann: Held oder Krimineller?

Soeben ist ein Werk über „Selbsterfinder, Lebenskünstler und Minderheiten im Sauerland“ erschienen. Autor Peter Bürger hat im Vorfeld beim „Haus Böttcher“ angefragt, welche Gestalt den Raum Marsberg repräsentieren könnte. So ist auf Obermarsberger Anregung hin ein Kapitel über den berühmtesten Wilddieb des Eggegebirges entstanden.

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Ausschnitt aus dem Umschlag des neuen Buches.

Bürger betrachtet die entsprechende Studie als ideales Lehrstück über „Dichtung und Wahrheit“ in Heimatüberlieferungen: „Ist Hermann Klostermann (geb. 1839) nun ein Volksheld oder ein gewissenloser Verbrecher, ein Wohltäter der kleinen Leute oder ein Staatsfeind? Je nachdem, welchem Standort, Genre und Zeitabschnitt die Quellen zuzuordnen sind, fallen die Antworten auf diese Frage sehr gegensätzlich aus. Auf jeden Fall begegnet uns hier eine Gestalt des 19. Jahrhunderts, in der sich eine nennenswerte Wilderer-Szene vergangener Tage verdichtet und die innerhalb weiter Teile der Bevölkerung einmal viele Sympathien genossen hat. Wenn Förster getötet oder Habenichtse wie der Oesdorfer Johann Lohoff wegen eines ergatterten Rehbratens abgeknallt werden, hört der Spaß freilich auf.“

Hans-Dieter Hibbeln aus Detmold hat schon vor zwei Jahrzehnten in einem heimatgeschichtlichen Beitrag die „Wildschütz-Legende“ auf haltbare Fakten hin abgeklopft und ein umfangreiches Klostermann-Archiv angelegt.

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Die berühmte Fotografie, die den Wildschütz Hermann Klostermann zeigen soll.

Er konnte dem sauerländischen Forscher zahlreiche Quellen vermitteln und die Studie als Experte kritisch begleiten. Dieser Austausch zwischen dem Theologen aus dem Sauerland und dem pensionierten Detmolder Polizeibeamten gestaltete sich sehr lebendig. Die Sichtweisen waren nämlich oft durchaus verschieden. Im neuen Buch findet man auch einen eigenen Beitrag von H.-D. Hibbeln über die Lebenssituation der Förster im 19. Jahrhundert. Dem Klostermann-Kapitel folgt außerdem eine umfangreiche Darstellung zu den Wilderer-Szenen im ganzen Sauerland.

Die aktuelle Veröffentlichung soll eine Lücke der Klostermann-Forschung schließen. Erhellt wird, wie unterschiedlich ein Richter aus Warburg, der Kriminalautor Jodokus Temme, der Marsberger Heimatschriftsteller Rudolf Gödde und der Paderborner Georg Servais den berühmten Wilderer beurteilen. Das ungeklärte Lebensende des „Helden“ hat viele Mythen und Legenden hervorgebracht. Allein im Raum Marsberg gab es zur Mitte des letzten Jahrhunderts zwei verschiedene Theaterstücke über ihn. Zuletzt wurde der Wildschütz zum Objekt von Vermarktungsstrategien. Es gibt sogar eine Atelier-Photographie von Klostermann, die erstmals 1951 in Marsberg ausgestellt wurde. Ob sie echt ist, bleibt freilich offen.

Peter Bürger: Fang dir ein Lied an! Selbsterfinder, Lebenskünstler und Minderheiten im Sauerland (688 Seiten; 170 Abbildungen; 25,- Euro).

Erhältlich über das DampfLandLeute-Museum Eslohe: www.museum-eslohe.de (shop). – Eine Buchvorstellung mit allen Namens- und Ortsregistern findet man im Internet (www.sauerlandmundart.de: daunlots Nr. 68).