Erntedank vor 80 Jahren in Marsberg

Erntedank vor 80 Jahren in Marsberg

Die „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit“ haben sich auf Spurensuche in die verschiedensten Archive begeben. Passend zum Erntedankfest haben sie diesen Brauch im „Marsberger Anzeiger“ recherchiert und stellen ihn dar, wie er vor 80 Jahren im Jahr 1932, in Marsberg gefeiert wurde.

Die Aufnahme entstand Ende der 1930er Jahre auf dem Schwarzen-Berg von Obermarsberg. Im Hintergrund befindet sich der Höling. Während der Erntearbeiten sind v. l. n. r. Bernhard Zieren (auf dem Gespann), Willi Neumann, Wilhelm Wösthoff und Elisabeth Schröder, geb. Zieren zu sehen.

Der Bauernstand, so war man damals der Meinung, ist sich zu allen Zeiten bewusst gewesen, dass der Erntesegen und das Gedeihen der Feldfrüchte ganz und gar vom Segen des allmächtigen Gottes abhängen würde. Des Bauern Väter vom alten Schlage machten stets das Zeichen des Kreuzes über dem Acker, bevor sie den ersten Samen für die neue Ernte auf den Acker säte. Am Palmsonntag brachten sie einige der geweihten Palmen, am Feste Maria-Himmelfahrt (Krautweihfest) einige von den geweihten Kräutern auf den Acker. Kein neues Brot wurde angeschnitten, bevor mit dem Messer ein großes Kreuz über das Brot gemacht war. Das Nutzholz, das im Laufe des Jahres im landwirtschaftlichen Betriebe für kleinere Arbeiten gebraucht werden sollte, wurde am Karsamstag eine Zeitlang in das geweihte Osterfeuer gehalten. Ein besonderer Tag im Bauernleben war der Tag, an dem „Der Erntehahn geholt“ d. h. das letzte Fuder mit Getreide in die Scheune gefahren wurde. Alle, Jung und Alt, bestiegen den mit Getreide gefüllten Erntewagen. Ganz vorn saß die erwachsene Tochter des Bauern. Sie hielt den mit Blumen und bunten Bändern gezierten Erntehahn. Auf dem Wege vom Felde zum Dorfe wurde aus voller Brust gesungen. Aber nur religiöse Lieder, also Kirchenlieder durften gesungen werden. Das letzte Lied war immer: „Gott, wir loben und bekennen Dich, den Schöpfer aller Welt.“ Der Erntehahn wurde neben dem großen Einfahrtstor befestigt. Dort blieb er bis zum Erntefest im nächsten Jahr. Der Bauernstand hat auch von jeher seine besonderen heiligen Schutzpatrone gehabt. „Jeder Stand hat seine glorreichen Namen vor Gott“, hat einmal der verstorbene Bischof von Trier gesagt. Aus dem Schützen- und Kriegerlager kamen die Hl. Mauritius, Sebastian und Theodor; aus der Gerichtsstube der Hl. Ivo, vom Königshofe der Hl. Ludwig, aus der „Scheune“ der Hl. Isidor. Isidor ist der Patron des Bauernstandes. Er wurde um die Mitte des 11. Jahrhunderts zu Madrid geboren, von armen, aber frommen Eltern, die ihm durch Wort und Beispiel die Liebe zu einem tugendhaften Wandel einflößten. Als Jüngling kam er in den Dienst eines Edelmannes, um dessen Feld zu bebauen. In diesem Dienst blieb er treu durch sein ganzes Leben. Für seine Arbeit gab ihm Gott den ewigen Lohn des Himmels. In Spanien wird am 15. Mai sein Fest mit großer Feierlichkeit begangen. Neben dem Patron haben die Landleute auch eine Hl. Patronin, die Hl. Margaretha. Ihr Fest wird am 20. Juli gefeiert. Am Margarethentage wurden von den Bauern die Ernteknechte und Erntemädchen angenommen. So wurde Margaretha Patronin des Nährstandes. Ursprünglich feierten die Bauern Nieder- und Obermarsbergs am Anfang des 20. Jhd. das Erntedankfest gemeinschaftlich, turnusgemäß örtlich wechselnd. In 1932 gab es allerdings eine Änderung dieser Gepflogenheiten. Die Obermarsberger feierten Erntedank mit einem abschließenden Oktoberfest im Schützenhaus: „Diesmal beherrschten der Seppl und die Resi das Feld und die echt bayerische Kapelle mit ihren flotten Weisen, mit Ländlern und Walzern. Ein Waggon Münchener Löwenbräu tat das Seinige. Dös wa a Gaudi!“, so die Zeitung. Die Niedermarsberger trafen sich am 29. September (Michael) zu ihrer letzten Prozession des Jahres, die über den Bomberg führte. Der Michaelstag war ein uralter Termin zur Ablieferung von Zinsen an den Lehnsherren. Am darauffolgenden Sonntag fand der Ernteumzug der Bauern und Vereine der Stadt mit vorherigem Kirchgang statt. In der Mühlenstraße setzte sich der Zug in Bewegung: Blumenwagen, Wagen mit Gemüse (gestellt von der Gärtnerei), Pflug- und Eggewagen (Jos. Zeitler), Sämaschine (Willeke, Grund.), Grasmäher (Bernh. Kleffner), Schnitterinnen und Schnitter, Harkmaschine (Spediteur Busch), Erntewagen mit Kranz (Kuhlmann), Erntefestwagen (Prior Bau) Dreschwagen (Joh. Zeitler), Wannemühle (Hammerschmidt), Mühlenwagen (Bunse), Bäckerwagen (Beverungen), Milchwagen (Varlemann), Molkereiwagen (Siebrecht), Spinnstube (Franz Tuschen), Feierabendwagen (Anton Dicke), Wagen mit Bauernjugend (Zimmermann), Kartoffelwagen, Esel, Selbstbinder, Breakwagen, Düngerstreuer und Scheffelsäer (alle Anstalt). Während des Umzugs wurde das Bauernlied gesungen. Nach Beendigung des Festzuges war in den Lokalen Deutsches Haus und Café Gerlach Tanz.

Werbeanzeige aus 1932 – Café Gerlach lädt zum Erntefest ein.

 

Werbeanzeige aus 1932 – Druckerei Boxberger hält Festschmuck zum Erntedank bereit.


Bauernlied:

 „Ich gehe über verlassene Fluren:
Wo blieb der Aehren goldne Pracht?
Verweht sind die Lieder, vergangen die Spuren,
Verweht und vergangen in herbstlicher Nacht.

 Doch morgen schon werden die Rosse hier schreiten,
Die Furchen sich öffnen dem schneidenden Pflug.
Dann senkt sich die Saat wie seit ewigen Zeiten,
Daß wieder die Erde die Ernte es trug.

 So reichen wir Bauern die sorgenden Hände
Vom Herbste zum Lenz, von Geschlecht zu Geschlecht,
Wir standen am Anfang, wir stehen am Ende
Mit ewigen Plichten und ewigem Recht.“

                                                                                                                                                                              

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