Eine 120-jährige Patentschrift der Theodorshütte ist Marsbergs Fundstück des Monats Juni 2014

Eine 120-jährige Patentschrift der Theodorshütte ist Marsbergs Fundstück des Monats Juni 2014

Bredelar. Der „Industriestandort“ Bredelar war in früheren Zeiten mit der bedeutendste der Region. Viele neue Techniken wurden hier ausprobiert und sogar reichsweit patentiert.

Die Postkarte aus der Zeit um 1900 zeigt das „Alte Kloster Bredelar“, zu diesem Zeitpunkt: „Eisengießerei Theodorshütte“ der Maschinenbau AG, vormals Beck & Henkel.

Die Postkarte aus der Zeit um 1900 zeigt das „Alte Kloster Bredelar“, zu diesem Zeitpunkt: „Eisengießerei Theodorshütte“ der Maschinenbau AG, vormals Beck & Henkel.

Im Kloster Bredelar war eine Eisengießerei angesiedelt. Hier wurde auch eine neue Maschine entwickelt, die in 1894 zum Patent kam. Die Patentschrift hierzu wurde jetzt an das Museum „Haus Böttcher – Marsbergs Haus der Geschichte aus 1589“ übergeben. Das Patent mit der dazugehörigen Sammlung wurde nun vom Marsberger Geschichts- und Heimatverein „Marsberger Geschichten – Schlüssel zur Vergangenheit e. V.“ zu Marsbergs Fundstück des Monats Juni 2014 prämiert. Der Sauerlandkurier stellt die geschichtlichen Hintergründe exklusiv vor. In 1826 wurde der Gewerke Ulrich zunächst Erbpächter und schließlich in 1842 Eigentümer des säkularisierten Klosters in Bredelar. Er richtete in der Klosterkirche und in einem Teil der Gebäude eine Eisengießerei ein, die sogenannte „Theodorshütte“. 1877 wurde die Hütte an die Dortmunder Union AG verkauft. Diese funktionierte die Eisengießerei auf Koksbasis um. Im Jahr 1891 übernahm die Maschinenbau AG, vormals Beck & Henkel, die Gießerei. Die Firma Beck & Henkel wurde in 1878 in Kassel gegründet, 12 Jahre später, in 1889, firmierte man mit dem Namen: „Maschinenbau AG“. Damaliger Firmenzweck war der Bau von Kranen, Schlachthofeinrichtungen, maschinellen Einrichtungen von Kühl- und Abwasserreinigungsanlagen sowie von landwirtschaftlichen Maschinen (Volltorkrane, Dunggreifer). Die Firma spezialisierte den Betrieb im Kloster Bredelar auf hochwertige Gusswaren. Außerdem produzierte man Öfen und Ofenplatten. Für das Jahr 1894 ist der Bau einer ersten „Schmidt´schen-Heißdampf-Verbundmaschine mit Kondsation“ für eine schwedische Papiermaschine belegt. So eine Dampfmaschine befindet sich heute im Deutschen Museum. Im gleichen Jahr (1894) entwickelte die „Abtheilung Theodorshütte in Bredelar“ der Maschinenbau AG eine Kernformmaschine, die lt. der Patentschrift mit der Nummer 80807, „Klasse 31: Giesserei und Formerei“ am 09.06.1894 beim „Kaiserlichen Patentamt“ im Deutschen Reich patentiert wurde. Marsbergs Fundstück des Monats, die Patentschrift, weist das offizielle Ausgabe-Datum vom 04.04.1895 auf. Die neue Kernformmaschine hatte wesentliche Besserungen gegenüber bisherigen, bekannten Maschinen, so Engelbert Stratmann, der nähere Einzelheiten dem Marsberger Geschichtsverein erläuterte. Stratmann stammt aus Messinghausen und ist gelernter Handformer. Er war vor seiner Pensionierung Betriebsleiter und Gießereimeister. Vor dieser „Bredelarer-Patent-Erfindung“ mussten die Gusskerne beispielsweise durch ein Rohr gezogen werden um eine dementsprechende Form zu erhalten. Dieses benötigte man mit der neuen Technik nicht mehr. Die Patentschrift weiter: „…Bei der vorliegenden Kernformmaschine werden die Kerne in besondere, längsgetheilte Kernbüchsen eingestampft, die, in einen am Tisch angegossenen Cylinder oder Sitz eingesetzt, sammt dem Kern durch Kolben gehoben werden…“. Diese Längsteilung der Kernkästen war damals eine besondere Errungenschaft, so Engelbert Stratmann. „Heutzutage wird allerdings generell so praktiziert.“ Die so produzierten Kerne wurden genutzt, um gewisse Hohlräume in Gussstücken zu schaffen, beispielsweise bei Zahnrädern oder für Maschinenständer. Großer Vorteil nach dem neuen Patent war, dass „die durch die beschriebene Maschine hergestellten Kerne äußerst exact sind und infolge ihrer gleichmäßigen Dichtigkeit der Luft beim Gießen leicht Abzug gewähren, wobei der Guß stets ein sicherer und dichterer wird.“ Vorherige Kerne waren in der Form, in den Maßen sowie der Stärke teils total unterschiedlich. Hinzu kam, dass der Guss meistens sogar im Rohr stecken blieb, was für den Gießer schon fast katastrophal war. Der Betrieb im ehemaligen Kloster Bredelar florierte, bis es in 1929/31 zu einer weltweiten Krise kam. In 1931 erfolgte die Stilllegung der Gießerei im Kloster Bredelar. 1932 wurden schon große Teile von Produktionsmaschinerien aus Bredelar abtransportiert. Anfang 1938 verkaufte die Maschinenbau AG die Theodorshütte in Bredelar. Die letzte ordentliche Hauptversammlung der Aktiengesellschaft wurde am 28.07.1943 gehalten.

Nähere Informationen zum Fundstück des Monats finden Sie unter: www.Marsberger-Geschichten.de

Die Abbildung zeigt den Kopf der Patentschrift Nr. 80807 der Maschinenbau AG, vorm. Beck & Henkel, Abteilung Theodorshütte in Bredelar vom 09.06.1894.

Die Abbildung zeigt den Kopf der Patentschrift Nr. 80807 der Maschinenbau AG, vorm. Beck & Henkel, Abteilung Theodorshütte in Bredelar vom 09.06.1894.

 

Die der im Anhang der Patentschrift beigefügten Zeichnungen bilden die Technik der in Bredelar entwickelten Kernformmaschine aus 1894 ab.

Die der im Anhang der Patentschrift beigefügten Zeichnungen bilden die Technik der in Bredelar entwickelten Kernformmaschine aus 1894 ab.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Eine Aktie der Maschinenbau AG, vormals Beck & Henkel, Kassel, über 1.000 Reichsmark aus dem November 1941.

Eine Aktie der Maschinenbau AG, vormals Beck & Henkel, Kassel, über 1.000 Reichsmark aus dem November 1941.

 

Die Vorderseite einer Postkarte der Union Abtheilung Eisensteinbergbau Bredelar aus 1884.

Die Vorderseite einer Postkarte der Union Abtheilung Eisensteinbergbau Bredelar aus 1884.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Rückseite einer Postkarte der Union Abtheilung Eisensteinbergbau Bredelar aus 1884.

Die Rückseite einer Postkarte der Union Abtheilung Eisensteinbergbau Bredelar aus 1884.